Zentralinstitut für Geschichte: China feiert seinen Sonderweg


 
 
 

Das fremde Werkzeug ist ein Tand: Mit dem neuen Zentralinstitut für Geschichte propagiert die Staatsführung eine identitäre Wende.

In keinem anderen Land der Welt außerhalb der Vereinigten Staaten dürfte es so viele Historiker geben wie in China. Für sie ist am 3. Januar eine neue Ära angebrochen. So jedenfalls will es die Staatsführung. Anlässlich der Gründung des zentralen Chinesischen Geschichtsforschungsinstituts (Zhongguo Lishi Yanjiuyuan) brachte Staatspräsident Xi Jinping in einem Grußschreiben die Erwartung der politischen Spitze an die staatlich beschäftigte Historikerzunft deutlich zum Ausdruck: Geschichte sei ein Spiegel; in der Betrachtung des Vergangenen müsse man die Gegenwart erkennen. Sich die Errungenschaften der Vergangenheit zum Vorbild zu nehmen gehöre zur einzigartigen Tradition der „mehr als fünftausendjährigen“ Geschichte des chinesischen Volkes. Das neue Zeitalter eines „Sozialismus chinesischer Prägung“ beruhe auf dieser Tradition und benötige deshalb den Rückhalt einer chinesischen Geschichtsforschung, die sich ihrer Wertvorstellungen sicher sei.

Das neue Geschichtsinstitut gehört zur Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften, die seit 1977 besteht. Ihr Vizepräsident Gao Xiang ist nun auch der Gründungsdirektor des Instituts. Am 15. Januar erläuterte Gao Xiang in der parteiamtlichen „Volkszeitung“ (Renmin Ribao), was er als oberster ideologischer Wächter von Chinas Historikern erwartet. Auch er erinnert an eine Devise aus dem Shiji des Sima Qian (circa 145 bis 90 vor Christus), dem prestigereichsten aller chinesischen Geschichtswerke: „Über die Vergangenheit berichten und an das Zukünftige denken!“ Gao Xiang ruft zu einer „wahren Geschichtsschreibung“ auf, die von „hohen Idealen“, von „Gefühlen“ und „Inspiration“ erfüllt sein solle, weit entfernt von der „eiskalten“ Haltung herkömmlicher Wissenschaft.

Chinesische Geschichte soll im Land erörtert werden – nicht international

Gao Xiangs emotional aufgeladene Parolen weisen der historischen Vergewisserung Aufgaben zu, die sonst die Religion erfüllt. Alles Religiöse wurde aber bereits vor einem Jahrhundert von Chinas frühen Kommunisten in marxistischer Tradition als „Opium für das Volk“ verunglimpft. Bis heute werden in der Volksrepublik die verschiedenen Religionen mit diesem Vorwurf verfolgt. Die Geschichtsschreibung hat freilich aus der Sicht der Staatsführung gegenüber der Religion den Vorzug, dass sie als „modern“ legitimiert ist und nicht von externen Autoritäten – wie dem Papst oder dem Dalai Lama – bestimmt werden kann. Niemand macht dem Staat ihre Vermittlung und Lenkung streitig. So sei es, sagt Gao Xiang, die Aufgabe der chinesischen Geschichtsschreibung, nicht nur die glanzvolle Tradition des Landes zu propagieren, sondern ebenso den unabänderlichen Wiederaufstieg des chinesischen Volkes an die Weltspitze zu dokumentieren. Mit solcher Feier nationaler Größe könne sie „ihren eigenen wissenschaftlichen Wert und Geist“ unter Beweis stellen.

Seit den achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts hat die chinesische Geschichtswissenschaft auf vielen Gebieten den Anschluss an die internationale Forschung gesucht und gefunden. Chinesische Historikerinnen und Historiker arbeiten eng mit Kollegen aus den Vereinigten Staaten, aus Europa, Japan und Australien zusammen. Eine solche Internationalisierung ist dem neuen Chefhistoriker verdächtig. Gao Xiang kritisiert Chinas Geschichtsschreibung als „zersplittert, oberflächlich und einseitig“. Sie solle sich vielmehr den „großen Geschichtslinien und historischen Gesetzmäßigkeiten“ widmen. Akzeptable Geschichtsschreibung müsse „auf chinesischem Boden und in der chinesischen Sprache verwurzelt“ sein. Sie solle „eine eigene chinesische Wissenschaftssprache“ entwickeln. Was das genau heißen könnte, bleibt unklar. Gemeint ist aber wohl mehr als eine bloße Bekräftigung des üblichen marxistischen Vokabulars.

Sowohl die Gründung des Geschichtsinstituts als auch die begleitenden Kommentare bringen ein neues Geschichtsbild der chinesischen Staatsführung zum Ausdruck. Stolz soll die heutige Weltmacht China auf ihre jahrtausendealte Geschichte zurückblicken, mit der es kein Konkurrent aufnehmen kann, am wenigsten der Emporkömmling Vereinigte Staaten. Damit bricht die Geschichtspolitik der Kommunistischen Partei mit der eigenen ideologischen Vergangenheit. Chinas Tradition gilt nunmehr nicht länger als „Aberglaube“, der zerstört werden muss, oder zumindest als museal neutralisierter Überlieferungsschatz ohne fortdauernde Virulenz. Sie wird in den Dienst der sozialistischen Gegenwart gestellt. Die glorreiche Geschichte untermauert Chinas herausragende Stellung in der Welt und löst es zugleich von den Allgemeingültigkeit beanspruchenden Schemata des Marxismus, denen bis heute rhetorischer Tribut gezollt wird. China verzichtet auf einen Platz im universalen Fünfstufenmodell des Fortschritts von der Urgesellschaft zum Sozialismus. Es feiert seinen Sonderweg.

Geschichtsschreibung als politisches Instrument

Bereits unter Mao Tse-tung hatte sich die KP Chinas mit Theorie und Praxis der bäuerlichen Revolution für einen eigenen Pfad zur Umsetzung des Marxismus entschieden, der jedoch nicht als Zurückweisung, sondern als „strategische“ Weiterentwicklung der klassischen Lehre verstanden wurde. Der Bruch mit der Sowjetunion zu Beginn der sechziger Jahre besiegelte die Differenzen in der Interpretation und Verwirklichung des marxistischen Gesellschaftsmodells und stellte zwei konkurrierende Universalismen einander gegenüber. Der Reform- und Öffnungskurs unter Deng Xiaoping von 1978 an wurde im Westen vielfach als Abkehr von chinesischen Eigenarten und allmählicher Anschluss an eine globale Moderne interpretiert – bis das Tiananmen-Massaker im Juni 1989 solche Erwartungen dämpfte. Seither fehlte es in China – und in gewisser Weise auch im Westen, wo man über Chinas Aufstieg ratlos staunte – an großen sinngebenden Narrativen der chinesischen Entwicklung.

Das ändert sich in der Gegenwart mit der teils nationalistischen, teils imperialen Fixierung auf Glanz, Größe und erträumte Erstrangigkeit. Die verschärfte Instrumentalisierung der Geschichtsschreibung durch Partei und Staat passt damit genau zu den politischen Initiativen der letzten Jahre vom sportpolitischen Kraftakt der Olympischen Spiele von Peking 2008, als der Gastgeber die meisten Goldmedaillen gewann, bis zum geopolitischen Megaprojekt einer Neuen Seidenstraße quer durch den eurasischen Kontinent. Die Botschaft ist eine doppelte: China ist stark und strebt unaufhaltsam an die Spitze aller Weltrankings. Und: Es ist sich selbst der Maßstab und beansprucht das Deutungsmonopol über den eigenen unvergleichlichen Weg in der Geschichte.

Ein solches Selbstbewusstsein, das die Universalität der geisteswissenschaftlichen Forschung durch die bewusste Provinzialisierung bis dato anerkannter Qualitätsmaßstäbe herausfordert (in Indien lässt sich Ähnliches beobachten), muss Konsequenzen für die internationale China-Forschung haben, sollte es nicht bei Mahnungen und Drohungen des Staatspräsidenten und seines Sprachrohrs Gao Xiang bleiben. Dann wird es nämlich zur identitären Staatsdoktrin, dass „in Wahrheit“ nur noch Chinesen die chinesische Geschichte verstehen und darstellen können – auf chinesischem „Boden“ und in einer „Sprache“, deren patriotische Durchglühung der Welt „eiskalter“ Wissenschaft fremd wäre.

Den Dialog und Austausch mit der Forschung außerhalb Chinas schließt Gao Xiang zwar nicht aus, betont aber die völlige Autonomie der chinesischen Perspektive. Auch Xi Jinpings „Neue Seidenstraße“ (OBOR: One Belt, One Road) lässt sich in dieses Bild einer neuen Epoche der Eigenständigkeit einordnen: China knüpft symbolisch an die Seidenstraße früherer Zeiten an, ignoriert den multipolaren Vernetzungscharakter der alten Handelswege durch Zentralasien. Die chinesische Staatsführung selbst bestimmt nunmehr hegemonial die Regeln. Sie versucht es jetzt auch im Umgang mit der eigenen Geschichte.