60 Jahre Tibet-Aufstand: Als China das Dach der Welt übernahm

ATTENTION: For the full PHOTO ESSAY text please see Advisory Notice epa07416557 Mandatory Credit: Photo by ROMAN PILIPEY/EPA-EFE/REX (10142280c) (20/33) Tibetan Buddhist monks and worshipers attend a prayer during the Monlam Great Prayer Festival, at Labrang Monastery, in Xiahe County, Gannan Tibetan Autonomous Prefecture, Gansu Province, China, 19 February 2019. Considered the most important event for Tibetan Buddhists, the Monlam Great Prayer Festival starts three days after Lunar New Year in western China's ethnic Tibetan region and is held for almost two weeks. During that time, millions of pilgrims head to monasteries to pray for good fortune in the new year and make offerings to their late relatives. Labrang Monastery, in Gannan Tibetan Autonomous Prefecture, which was founded in 1709, is one of the six largest monasteries of the Yellow Hat sect of Tibetan Buddhism and home to the thousands of monks outside of the Tibet Autonomous Region. Monlam Great Prayer Festival at Labrang Monastery, Xiahe, China - 19 Feb 2019

 
 
 

Von Richard Gere über die Red Hot Chili Peppers bis zu Angela Merkel – „Free Tibet“ war mal in aller Munde. Mittlerweile ist es still um die Region geworden. Pekings Strategie scheint zu funktionieren.

Es gab mal eine Zeit, da redeten berühmte Schauspieler auf Oscar-Verleihungen über Tibet. Rockstars gaben Benefizkonzerte und Angela Merkel, damals schon Kanzlerin, traf den Dalai Lama. „Free Tibet“ war ein Slogan, von solcher Kraft und offenbar so attraktiv in seiner Botschaft, dass Tassen, T-Shirts und Aufkleber damit verkauft wurden. Tibet befreien war der „gute Zweck“ der Achtziger- und Neunzigerjahre und auch für kurze Zeit des Jahres 2008.

Der heutige 10. März markiert den 60. Jahrestag des Aufstands der Tibeter gegen ihre chinesischen Herren. Damals verkleideten Mönche – aus Angst, man könne ihn entführen – den 23-jährigen Dalai Lama als Soldaten und schickten ihn auf eine gefährliche Flucht über eisige Berghänge. Schließlich erreichte er Indien, wo er bis heute lebt. Ihm folgten in den Wochen und Jahren danach Zehntausende Anhänger.

In London, Berlin und amerikanischen Städten werden ein paar Aktivisten vor der chinesischen Botschaft protestieren. Am Prager Rathaus weht die tibetische Flagge. Der Dalai Lama lädt zu Feierlichkeiten in sein Exil ein. Aber das war es dann auch schon bald. Es ist still um Tibet geworden, China hat das Dach der Welt eingenommen.

Tibetische Aktivisten und Politiker werden nun widersprechen und sagen, dass der Kampf so lebendig ist wie einst. Sie sagen das seit vielen Jahren. Aber wer sich umschaut, der muss sich doch auch eingestehen: Es gab schon bessere Zeiten.

China ist mittlerweile die größte Volkswirtschaft und der wichtigste Handelspartner für viele Staaten, es verfügt über eine der größten Armeen der Welt. Im Dalai Lama sieht Peking einen „Wolf in Mönchsrobe“. Staatschefs, die den spirituellen Führer früher gerne getroffen haben, dürften sich daher heute zweimal überlegen, ob es das wert ist. Auch Indien, Chinas Nachbar und Exilheimat des Dalai Lama, nennt ihn offiziell einen „höchst angesehenen und ehrwürdigen Gast“. Aber zu Feierlichkeiten schickt Neu-Delhi neuerdings oft lieber keinen hohen Repräsentanten.

China agiert taktisch. Es riegelt Tibet für ausländische Diplomaten und Journalisten ab. Die Touristen, die kommen dürfen, sind meist Chinesen. Während des Jahrestags und darüber hinaus darf kein Auswärtiger Tibet betreten. Es gibt dort nach wie vor willkürliche Festnahmen. Die Ausübung des tibetischen Buddhismus ist nicht verboten, aber streng kontrolliert.

Peking hat seine ganz eigenen Lesart

Der Pantschen Lama, der zweithöchste religiöse Führer Tibets, verschwand als sechsjähriges Kind; er ist bis heute, 24 Jahre später, nicht wieder aufgetaucht. Noch immer zünden sich auch jedes Jahr noch junge Mönche aus Protest an; aber man erfährt davon wenig. Es kommen kaum Bilder aus Tibet und wenn, dann sind sie bezaubernd: Gewaltige Berge mit weißen Gipfeln, buddhistische Klöster und drumherum die Moderne. Es gibt jetzt Tunnel in Lhasa, mehrspurige Straßen und einen Schnellzug nach Shanghai. Nach Pekings Lesart haben chinesische Soldaten die Tibeter aus jahrtausendealter Feudalherrschaft und Isolation befreit.

Im Exil wird derweil eine Generation Tibeter groß, die das Land nur aus Erzählungen kennt. Jede Diaspora durchläuft einen Prozess der Veränderung, das ist unausweichlich. Aber 60 Jahre sind eine lange Zeit. Viele wollen nach vorne schauen, und nicht zurück. Nirgendwo wird das deutlicher als in Indien, wo die große Mehrheit, geschätzte 150.000 Exilanten, lebt.

Ihr Status hier ist schwierig, sie sind offiziell keine Flüchtlinge, aber auch keine Bürger, de-facto staatenlos. Seitdem Indien ihnen anbietet, die Staatsbürgerschaft anzunehmen, stehen viele junge Tibeter vor einer schwierigen Wahl: Wollen sie das Recht erlangen, Land zu erwerben und die Sicherheit, bleiben zu dürfen? Oder wäre das, wie so manch Älterer fürchtet, der Verrat an der Sache?

Setzt Tibet auf die falsche Strategie?

Und vielleicht muss man mittlerweile auch sagen: Die tibetische Strategie ist nicht ideal, um im Gespräch zu bleiben. Der Dalai Lama verurteilt die Unterdrückung vor Ort, aber ist schon im nächsten Atemzug zu Kompromissen bereit. Predigt Harmonie und Mitgefühl und lobt China für seine wirtschaftliche Kraft. Die politische Führung fordert schon lange keine Unabhängigkeit mehr, sondern lediglich Autonomie.

Tibet wird deswegen manchmal „Panda der Weltpolitik“ genannt: beliebt, aber wenig effektiv. Das ist zynisch, aber es ist etwas daran: Wer mit seiner Situation nicht ständig Nachrichten produziert, stets lächelt und die andere Wange hinhält, der kann zwar mit Sympathie rechnen. Aber nicht mit derselben Aufmerksamkeit.