Erhaltung der Artenvielfalt: China archiviert Pflanzensamen


 
 
 

Das chinesische Wirtschaftswachstum geht auch auf Kosten der Umwelt. Um die Artenvielfalt für die Nachwelt zu erhalten, wird in Hangzhou Saatgut katalogisiert und aufbewahrt.

Das Hangzhouer Pflanzensamen-Archiv ist nicht öffentlich zugänglich. Nur selten kommen Besucher. Die Räume sind abgeschlossen, eine Mitarbeiterin muss erst einmal die Schlüssel suchen für die Archiv- und Trockenräume. In den drei verschiedenen Räumen herrschen unterschiedliche Bedingungen, erklärt Mitarbeiter Qian Jiangbo, während er vor einer großen dunklen Box steht, von der aus Temperatur und Luftfeuchtigkeit gesteuert werden.

Auf einem kleinen Display lassen sich hier die Werte überwachen. „Das hier unser Doppel-15-Raum, dort der Kurzfrist-Lagerraum und dieser Wert hier bezieht sich auf das die Langfrist-Kühlkammer. Im Doppel-15-Raum sollen 15 Grad bei 15 Prozent Luftfeuchtigkeit herrschen, so Qian. „Das ist die ideale Umgebung, um Pflanzensamen schnell aber schonend zu trocknen. Für den zweiten Raum zeigt das Display 3,5 Grad Celsius an, in der Langfrist-Kühlkammer ist es minus 14 Grad kalt.“

Vom Aussterben bedroht

Inzwischen sind die Schlüssel gefunden. Chen Chuan öffnet eine Tür, die ein bisschen aussieht, wie die überdimensionierte Tür eines altmodischen Kühlschranks. Dies ist der Trockenraum, erklärt die Botanikerin. Die erste Station also für Samen, die hier in Hangzhou aufbewahrt werden. „Das Trocknen dauert rund eine Woche, einige Samen brauchen auch länger. Bei manchen dauert es einen ganzen Monat. Nach dem Trocknen prüfen wir die Feuchtigkeit in den Samen. Sobald wir ein Feuchtigkeitslevel von unter 15 Prozent messen, werden die Samen archiviert.“

Viel zu sehen gibt es im Trockenraum im Moment nicht, die Regale sind fast leer. Das ändert sich in den beiden Kühlkammern. Hier sind die Regale schon gut gefüllt. Chen holt einige marmeladenglasartige Behältnisse aus den Regalen und reiht sie nebeneinander auf einer Edelstahlablage auf. Die Gläser sind jeweils zu einem Drittel gefüllt: mit unterschiedlich geformten Samen in den verschiedensten Farben. Von grau über schwarz bis zu knallrot ist alles dabei. „Das sind Samen einer speziellen Palme aus Ostchina“, erklärt die Botanikerin. „Die Pflanze ist vom Aussterben bedroht.“

Schutz des UNESCO-Welterbes

Zur Zeit lagern hier in den Regalen auf dem Gelände des Botanischen Gartens von Hangzhou die Samen von knapp eintausend verschiedenen Pflanzenarten. Bezogen auf die riesige Artenvielfalt in der Region ist das noch nicht viel. Aber das Archiv soll weiter wachsen. Den Wissenschaftlern um Botanikerin Chen geht es dabei vor allem um Pflanzen aus dem Osten Chinas.

Das Wuyi-Gebirge, die Gelben Berge und die Tianmu-Region etwa sind bedeutende Mittelgebirge mit einer umfassenden Pflanzenwelt. Viele der Baum- und Pflanzenarten sind endemisch, kommen also nur hier vor. Zwar stehen die artenreichen Mittelgebirgsregionen in Ostchina unter dem Schutz nationaler und internationaler Programme – einige gehören zum UNESCO-Welterbe – trotzdem seien mehr und mehr Arten bedroht, erklärt Yang Jun von der Landwirtschaftlichen Universität Anhui in der Stadt Hefei:

„Unser Umfeld, die Natur verändert und wandelt sich. Einige Arten werden aussterben im Zuge dieses Wandels. Wenn wir nun also beginnen, Pflanzensamen zu konservieren, werden wir sie in der Zukunft nutzen können. Die Bio-Diversität zu bewahren ist also eine gute Sache.“

Der Bestand soll weiter wachsen

„Eine Pflanzenart kann für das wirtschaftlich-soziale Gefüge einer ganzen Region entscheidend sein“, betont Botanikerin Chen. „Möglicherweise gibt es da draußen eine Art, die wir nicht für nützlich halten – noch nicht. Vielleicht wird sie aber in der Zukunft wichtig für uns sein. Ein Beispiel ist Reis, das Grundnahrungsmittel Chinas. Unser heutiger Reis wurde aus wilden Pflanzen gezüchtet. Wären diese Sorten ausgestorben, bevor wir sie entdeckten und nutzten, gäbe es heute keinen Reis.“

Biodiversität so groß wie das Land

Gemeinsam mit Kollegen und Botanik-Studenten aus Hangzhou wird Wissenschaflerin Chen in den nächsten Wochen wieder auf Exkursion gehen, um neue Samen zu sammeln und anschließend zu archivieren. „Bei gutem Wetter, im Frühling und im Herbst, gehen wir jeden Tag raus. Zum Teil bleiben wir ein bis zwei Wochen am Stück in den Bergen. Manchmal, wenn wir nach ganz speziellen Samen suchen, nehmen wir Zelte mit oder kommen in den Bergdörfern unter. Oder wir übernachten in alten, verlassenen Buddhisten-Klöstern.“

Nicht nur im ostchinesischen Hangzhou werden in China Pflanzensamen gesammelt. Auch in Kunming, ganz im Süden des Landes, in der Provinz Yunnan befindet sich ein entsprechendes Archiv. Es ist das größte des Landes. Yang Jun von der Landwirtschaftsuniversität Anhui: „China ist groß und dehnt über viele Breitengrade hinweg von Nord nach Süd aus, von Heilongjiang bis Hainan. Entsprechend groß ist auch unsere Biodiversität. Noch besser wäre es also, wenn auch in Hangzhou künftig nicht nur Proben aus Ost-China gesammelt würden, sondern aus dem ganzen Land.“