Aus diesem Grund kaufen Chinesen deutsches Sexspielzeug

Auch Kondome bestellen Chinesen häufig in Deutschland – auch wegen des verlässlichen Mindesthaltbarkeitsdatums...

 
 
 

Der Flensburger Versender Orion ist der letzte Erotikhändler der alten Art. Das Familienunternehmen setzt auf digitale Geräte und ist auch in den sozialen Medien erfolgreich. Ein kurioser Aspekt sorgt für zahlreiche Bestellungen aus China.

Auf dem Fensterbrett stehen zwei Anatomie-Modelle des menschlichen Unterleibes. Die Entwickler bei Orion, die hier arbeiten, schauen immer mal wieder nach, wie Frau und Mann beschaffen sind. Gerade entwerfen sie einen neuen Vibrator. „Optik und Bedienerfreundlichkeit sind besonders wichtig“, sagt Produktdesigner Fabian Wolff.

In dem Prototyp wird ein Motor mit noch feineren Vibrationsfrequenzen getestet. „Die Hände des Benutzers sollen nicht verkrampfen“, sagt der Experte. Mithilfe des 3-D-Druckers fertigt er ein erstes Exemplar, aus dem Hersteller in Asien eine kleine Vorserie bauen sollen. Anschließend können ausgewählte Testpersonen die Neuheit zu Hause ausprobieren.

Pro Jahr entstehen etwa ein Dutzend solcher Innovationen in der Forschung und Entwicklung des Flensburger Erotikhändlers Orion. Auch diese Kreativität, gepaart mit den Vorzügen der deutschen Qualitätskontrolle, bescheren den Flensburgern derzeit ungeahnte Geschäfte mit chinesischen Kunden – aber dazu später mehr.

Digitalisierung ist bei Orions Entwicklern das beherrschende Thema. Sexspielzeug wie ein Masturbator oder ein Dildo, das sich über ein Smartphone betreiben lässt, wird bereits verkauft. Doch es gibt Grenzen. Zum Ärger der Entwickler stößt die Steuerung über Apps auf Hindernisse.

Eigene Läden sind nur Ballast

Technikkonzerne aus den USA wie Apple, Google oder Facebook wollen derartige Anwendungen auf ihren Geräten oder mit ihrer Software nicht betreiben. Bei Tests erscheint auf dem Display oft die Meldung: „Diese Software wird nicht unterstützt.“ Für den digitalen Tüftler Wolff ist dies die derzeit größte Hürde bei seiner Arbeit.

Nach der mehrfachen Insolvenz von Beate Uhse ist offensichtlich geworden, dass klassische Erotikhändler keine Überlebenschance haben. Neugründungen wie Amorelie aus Berlin oder Eis aus Bielefeld zeigen etablierten Anbietern seit Jahren, wie reine Onlinehändler mit Sexspielzeug in zeitgemäßer Anmutung und Ansprache einer jüngeren Kundschaft erfolgreich sein können.

Eigene Läden, große Lagerbestände oder Hallen sind in dieser Unternehmenswelt nur Ballast. Klassische Sortimente mit Filmen und Magazinen sind längst aussortiert. Sexfilme, die einst in Videokabinen etwa von Beate Uhse die Münzsäcke prall gefüllt haben, sind heute als Gratisangebot im Internet zu finden. Umso erstaunlicher ist ein Blick hinter die Mauern von Orion, des letzten verbliebenen Erotikshops aus einer anderen Zeit.

Den Einblick gewährt Maike Rotermund. Die studierte Wirtschaftsprüferin hat Orion vor fünf Jahren von ihrem Vater übernommen. Dirk Rotermund wiederum hatte von seiner Stiefmutter Beate Uhse im Jahr 1981 den Großhandelsteil des Familienunternehmens erhalten. Seinem Halbbruder Ulrich Rotermund wurden die Läden und der bekannte Markenname zugeteilt.

Beate Uhse verschwand – Orion blieb

Doch während das Unternehmen Beate Uhse nach einem Höhenflug mit dem Börsengang im Mai 1999 jahrelang Umsatz und Marktanteil verlor und schließlich Insolvenz anmeldete, blieb Orion am Leben. Lange Zeit beschränkte sich der bodenständige Dirk Rotermund auf den Großhandel. Für das riskantere Ladengeschäft fand er als Partner den hessischen Unternehmer Werner Susemichel.

Bis heute betreibt dessen Familie von Biebertal aus dieses Geschäft, mittlerweile wird es von seiner Tochter Heike Susemichel verantwortet. Nach der Übernahme von zehn Beate-Uhse-Shops aus der Insolvenzmasse gibt es 150 Standorte in Deutschland.

Das Aus für Beate Uhse hat bei Orion „keine Champagnerkorken knallen lassen“, sagt Managerin Rotermund. Außer den erwähnten zehn Läden weitere Firmenteile zu übernehmen, sei nur kurzzeitig ein Gedanke gewesen. Orion habe für keinen Teil aus der Insolvenzmasse mitgeboten. So ging der Onlinehandel samt der Internetadresse an den niederländischen Konkurrenten EDC.

Neulinge bekommen eine Warentüte

Orion dagegen setzt auf das eigene Wachstum und stellt sogar Personal ein. Wer zu den rund 300 Mitarbeitern von Orion in Flensburg neu hinzukommt, erhält zur Begrüßung eine Warentüte. Bestückt ist sie zum Beispiel mit einem Vibrator, Gleitmittel oder Liebeskugeln. „Jeder soll wissen und erleben, was wir hier machen“, sagt Maike Rotermund.

Besonders im firmeneigenen Callcenter müssen sich die Beschäftigten rasch Detailkenntnisse aneignen. Die Themen sind vielfältig: Manch besorgter Kunde, der sein Sexspielzeug nicht in Gang bringen kann, hat dann übersehen, dass er bei seinem Reizstromartikel die sogenannte Reisesperre nicht gelöst hat.

Oder er hat vergessen, eine Batterie in die Fernbedienung einzulegen. Fernsteuerung ist etwa bei einem Masturbationsgerät ein gefragtes Feature. „Der Reiz liegt darin, dass der Benutzer oder die Benutzerin einer anderen Person die Kontrolle übergeben kann“, sagt Maike Rotermund.

Chinesen setzen auf deutsche Gründlichkeit

Die Hälfte der Produkte bezieht Orion von Herstellern aus Asien. Wäsche und Dessous zum Beispiel werden in Flensburg selbst entworfen. Die Passformen entstehen am Firmensitz, oftmals werden die Größen im Alltag von Mitarbeiterinnen getestet. Genäht und produziert wird anschließend in asiatischen Werkstätten.

Von Zulieferfirmen in Deutschland stammen Kondome oder Gleitmittel. Aus Italien kommen Lederstiefel, aus den USA bestimmte Sextoys. Vor dem Verkauf werden alle Produkte nach deutschen Richtlinien kontrolliert, geprüft und mit einem Prüfsiegel versehen.

Die deutsche Gründlichkeit führt zu einem kuriosen Exportgeschäft. „Einige Käufer aus China bestellen bei uns Sexspielzeuge, die von unseren chinesischen Partnern hergestellt werden“, sagt Maike Rotermund. Häufiger stehen Pflegeprodukte oder Gleitcremes auf den Bestelllisten.

Diese Waren könnten die Kunden auch bei Alibaba oder anderen heimischen Onlinehändlern einkaufen. Doch offensichtlich wollen einige Asiaten sichergehen, dass das Silikon in einem Produkt tatsächlich unbedenklich oder die Angabe des Mindesthaltbarkeitsdatums auf dem Gleitmittel oder Kondom verlässlich ist – und wählen deshalb lieber eine deutsche Einkaufsadresse.

Amazon und Otto zählen zu den Großkunden

Deutsche Qualitätskontrolle der Sexspielzeuge ist dann wichtiger als der Preis. „Die vergleichsweise strenge Gesetzgebung und die hohen Anforderungen an die Produkte in Deutschland sind für uns ein Wettbewerbsvorteil gegenüber asiatischer Ware“, sagt Maike Rotermund.

Der Ladenpreis sei für diese Käufer nicht das wichtigste Argument. Außer den privaten Bestellern aus Europa oder eben auch Asien sind Onlinehändler wie Amazon oder Unternehmen aus der Otto-Group Großkunden von Orion.

Markenexperten behaupten, dass die Erotikhändler unter der Pleite von Beate Uhse leiden. „Der stationäre Handel in der Erotikbranche ist tot, eine Wiederbelebung kostet viel Geld“, sagt Franz Maximilian Schmid-Preissler, ein seit Jahrzehnten erfahrener Markenexperte. Zudem sei das Abstreifen des alten Images als Schmuddelbranche enorm schwer.

Neue Anbieter aus dem Onlinehandel hätten es dagegen leichter. Dies hänge auch damit zusammen, dass sich die Einstellung zur Erotik und zu dem Geschäft damit in den vergangenen Jahren verändert habe. „Die Menschen haben heute ein kulturelleres Verständnis für Sex und Sexartikel“, sagt Schmid-Preissler.

Influencer und Promis sorgen für Bestellungen

Dies zeigt sich auch an der Bedeutung der sozialen Medien, die zum Kriterium für das Überleben der Erotikhändler geworden sind. Längst wird die Werbung über den Katalog um soziale Medien wie Instagram oder Facebook ergänzt oder gar davon abgelöst.

Aufstrebende Influencer treten im Internet oder neuerdings auch vor Publikum auf und bewerben Sexspielzeug bestimmter Marken. Orion veranstaltet derartige Auftritte mittlerweile in eigener Regie.

Für Bestellungen im Onlineshop sorgen auch Promis und Stars, wenn zum Beispiel Helene Fischer im Latex-Dress auftritt oder Kim Kardashian Aufnahmen in Dessous postet. Doch das Schönheitsideal ist unterschiedlich.

„Ich finde es wichtig, dass Frauen und Männer ein positives Körpergefühl haben, denn es kommt auf das Selbstbewusstsein an, nicht auf das Gewicht“, sagt Firmenchefin Rotermund. Die „Yoga-Models“ auf Instagram dürften nicht zum alleinigen Ideal erklärt werden.

Rotermund rechnet mit rund 73 Millionen Euro Umsatz in diesem Jahr. Frauen sind die wichtigsten Käufer, sie bestellen 80 Prozent der Wäsche und 70 Prozent der Sextoys. Die Umsatzrendite nach Steuern soll etwa zwei Prozent betragen.

Das ist kein üppiger Gewinn, für den Einzelhandel aber nicht untypisch. Hintergrund dafür sind auch Investitionen, die Orion in diesem Jahr für die Informationstechnologie und den Versand aufbringen will.

Vor einer möglichen Wirtschaftskrise in Deutschland fürchtet sich das Unternehmen nicht. „Wenn das Geld für große Anschaffungen knapp wird, kaufen die Menschen sich eher etwas für sich selbst“, sagt Maike Rotermund. Und das fänden sie auch bei Orion.