Xinjiang: Was darf‘s denn sein – vielleicht ein Schafskopf? PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: thomas.jaeger   
Montag, den 25. Dezember 2017 um 02:46 Uhr

Kashgar ist eine quirlige Stadt an der Seidenstraße in der westchinesischen Region Xinjiang. Den Besuch des Marktes dort vergessen Fremde nicht so leicht. Das liegt auch an den ungewohnten Delikatessen.

Mich verschlägt es nach Xinjiang, ganz im Westen Chinas an der Seidenstraße. Aus Sicht Pekings wenig entwickelt und rückständig. Xinjiang ist eine Gegend, in der keine klassischen Han-Chinesen leben, sondern Uiguren. Sie sehen auch nicht aus wie Chinesen, sondern sind klare Zentralasiaten, traditionell gekleidet und überwiegend muslimisch.
Eine Minderheit, die kein Mandarin, also Hochchinesisch, sondern Uigurisch spricht. Sie haben einen chinesischen Pass, aber sonst wenig Bezug zum klassischen China. Mekka liegt geografisch für sie näher als Peking. Daher muss man sich zwischendurch kneifen, um zu realisieren, dass man noch in China ist.

Kashgar als die quirlige Stadt in Xinjiang liegt an der Seidenstraße, berühmt für den Sonntagsmarkt, der ein unvergessliches Erlebnis für mich war. Alles open-air und unverfälscht, als ob Marco Polo noch persönlich gleich um die Ecke käme. Keine elektronisch blinkenden Werbebanner, kein Starbucks, keine Plastiktüten, alles unter offenem Himmel und mit dem, was Mutter Natur gerade bietet.

Schafsköpfe werden genussvoll auf dem Markt abgenagt

Der Sonntagsmarkt ist eine Art Großhandel für Bauern und Geschäftsleute. Aus weiten Entfernungen kommen die Leute zu Fuß, mit dem Eselskarren. Baumwolle wird zusammengetragen, gewogen und in Megasäcken abgefüllt.

Der zentrale Viehmarkt birst aus allen Nähten, ein Sammelsurium aus Ziegen, Pferden, Kühen und dazwischen auch ein paar Hühnern. Geldscheine und Vieh wechseln die Besitzer. Um Waren auf dem Markt zu kühlen, wird in Ermangelung von Kühlschränken Eis in riesigen Blöcken mit Widerhaken über die Straße geschleift und abgeladen, wo es gerade gebraucht wird.

Getrocknete Aprikosen werden zum Mount Everest gestapelt und mit Schubkarren über den Markt transportiert. 200 Kilo Aprikosen? Kein Problem. Es gibt Alleen, wo man sich links und rechts der Aprikosenberge den Weg durch den Markt bahnen muss.

Neben den Aprikosenbergen faszinieren mich die gekochten Schafsköpfe. Sie garen in offenen Töpfen, die badewannengroß sind. Was für uns in Europa Abfall ist oder allenfalls als Katzenfutter endet, ist in dieser Ecke Chinas eine Delikatesse. Die Schafsköpfe werden abgenagt und genussvoll knabbernd auf dem Markt verputzt.

Uiguren im Westen Chinas lieben Nudeln

Essenstechnisch erweitere ich meinen Horizont noch auf anderen Ebenen. Die Vorstellung von uns Europäern, in China äße man viel Reis, mag auf einige Regionen zutreffen, nicht aber auf den Westen Chinas. Die Uiguren sind Nudelfans.

Nudeln werden von Hand gezogen, dass man glaubt, man wird Zeuge eines Zaubertricks. Keine Maschine, keine Knethaken, Teig nehmen, und wie aus Zauberhand wird daraus etwas sehr Köstliches.

Aus einem Teigklumpen und viel Körpereinsatz werden durch Ziehen, Drehen und Flugeinheiten des Teiges immer längere Fäden, die dann wie Seile in den Händen des Nudelmachers hängen und dann frisch ins heiße Wasser fliegen. Die Nudelsuppe mit handgemachten Nudeln (Laghman) ist der Renner auf dem Sonntagsmarkt.

Bunte Möbel säumen den Weg des Marktes. Gleich daneben Schaschlikstände mit marinierten Fleischspießen. Daneben Handwerksstände mit Kupferschlägern. Es ist ein Kaleidoskop der Sinne, das mir den Sonntagsmarkt in Kashgar als einmaliges Eintauchen in eine andere Welt ermöglicht – bevor der chinesische Modernisierungswahn auch hier Einzug hält oder die ersten Reisebusse ankommen.