Chinas private Haushalte haben sich vielfach übernommen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: thomas.jaeger   
Montag, den 08. Januar 2018 um 05:16 Uhr

Peking rühmt sich, mit seiner Wirtschaftspolitik die größte Mittelschicht der Welt geschaffen zu haben. Doch genau diese verschuldet sich in rasendem Tempo. Die Alarmzeichen mehren sich.

Online-Bestellungen in Milliardenhöhe gingen in virtueller Windeseile ein. Die erste digitale Milliarde war innerhalb von zwei Minuten verbucht, als am 11. November um Mitternacht Chinas größte Schnäppchenjagd im Netz startete. Der Internetriese Alibaba mit seinem Chef Jack Ma hatte den sogenannten „Singles’ Day“, eine Parallele zum amerikanischen „Black Friday“ 2009 erfunden. Im vergangenen Jahr stellte er einen neuen Rekord auf – mit einem Tagesumsatz von 25,4 Milliarden Dollar. Das waren 40 Prozent mehr als im Vorjahr und umgerechnet mehr als eine Milliarde Dollar pro Stunde. Auch Unternehmen aus dem Ausland verdienten kräftig mit. 40 Prozent der auf Chinas digitalem Marktplatz umgeschlagenen Schnäppchen kamen von dort.

Der Kaufrausch beweise die wirtschaftliche Stärke und Zuversicht chinesischer Konsumenten, schrieben einst die Experten der Beratungsgesellschaft McKinsey. Schon 2013 hatten sie in ihrer Studie mit dem Titel „Vermessung der chinesischen Mittelklasse“ dieser Einkommensschicht einen dynamischen Aufstieg prophezeit. Bis zum Jahr 2022 würden ihr mehr als 75 Prozent der Stadtbewohner angehören. Die mindestens 700 Millionen „konsumkräftigen Bürger“ würden dann über ein Jahreseinkommen zwischen 60.000 Yuan (9000 Dollar) und 229.000 Yuan (34.000 Dollar) verfügen.

Bis heute hält der Konsumrausch der begüterten chinesischen Verbraucher an. „Sie scheinen unerschöpflichen Appetit auf alles zu haben, von der Unterhaltung über das Skifahren bis zum Café Latte,“ schrieb McKinsey im Juni 2015 in einer weiteren Studie. Diese Konsumausgaben würden zwischen 2010 und 2020 im Durchschnitt jährlich um sieben Prozent steigen.

Neben Markentaschen, Schmuck, schicken Möbeln oder Reisen leistet sich die Mittelklasse auch einen gesundheitsbewussten Lebensstil – beispielsweise eine Mitgliedschaft im Fitness-Club oder ein besonderes Essen. Ein Beispiel: die Avocado. Eine Million Früchte seien am „Singles Day“ über Alibaba bestellt worden, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua. 2012 hatte China lediglich 153 Tonnen Avocado importiert, 2016 waren es bereits 25.000 Tonnen.

Alle 15 Stunden ein neuer Starbucks

Cafés der amerikanischen Kette Starbucks sind seit Jahren ein beliebter Treffpunkt der Mittelschicht. Im Dezember eröffnete das Unternehmen sein erstes digitalisiertes Konzeptcafé in Shanghai. Zuvor hatte es sich seine 3000 Filialen in China zurückgeholt, indem es alle Jointventure-Partner herauskaufte. Starbucks sei „von der Zukunft der kaffeetrinkenden Mittelklasse so überzeugt“, dass es bis 2021 bis zu 5000 Filialen im Land betreiben will, schrieb das Pekinger Magazin „Caixin“. Alle 15 Stunden öffne ein neuer Starbucks in China.

Hatte die kommunistische Partei die Mittelklasse einst noch misstrauisch beäugt, setzt sie inzwischen voll auf einen weiteren wirtschaftlichen Boom. Den braucht sie dringend für ihr politisches Ziel, 2021 den Eintritt der Volksrepublik in eine „Gesellschaft des mittleren Wohlstands“ ausrufen zu können. Es ist die erste von drei Etappen, um das Land bis 2050 von der „Werkbank der Welt“ zur dominierenden Global- und Wirtschaftssupermacht zu verwandeln.

Doch um das zu erreichen, müssen sich Chinas Wirtschaftsleistung und das durchschnittliche Einkommen der Bürger zwischen 2010 und 2020 verdoppeln. Im Dezember lobte sich Parteichef Xi Jinping auf der Wirtschaftskonferenz des Zentralkommitees nach seiner Wiederwahl für die besonderen Erfolge der ersten Amtszeit. Von 2012 bis 2017 sei die Wirtschaft im Jahresdurchschnitt um 7,1 Prozent gewachsen. China verfüge heute „zahlenmäßig über die größte Bevölkerung der Welt mit mittelhohen Einkommen“.

Der größte Konsummarkt der Welt

Doch wie groß und nachhaltig ist Chinas Mittelschicht wirklich? Die meisten Wirtschaftsforscher gehen von bislang rund 300 Millionen „Konsumbürgern“ aus. Im gerade erst erschienen Blaubuch zur gesellschaftlichen Entwicklung 2018 schreibt der führende Soziologe des Landes, Li Peilin, Vizedirektor der Akademie für Sozialwissenschaften, dass sich China zu einer „Dienstleistungs- und Konsumgroßmacht“ wandelt. In den kommenden zehn Jahren würden bis zu 500 Millionen Menschen zur Mittelschicht gehören. China werde so zum „gigantischsten Konsummarkt der Welt“.

Unternehmen im In- und Ausland dürften solche Prognosen freudig vernehmen. Doch genauso wie die Bevölkerung nach drei Jahrzehnten erzwungener Einkindfamilie vor der Gefahr steht, schneller alt als reich zu werden, droht auch der neuen Mittelklasse die finanzielle Puste auszugehen. Chinas private Haushalte haben sich vielfach übernommen.

„Verschuldung der Haushalte“ titelt das Dezemberheft der finanzpolitischen Zeitschrift „Caijing“. Sie zeigt ein graues Nashorn, ein tierisches Symbol für eine latente Gefahr, die groß genug ist, dass alle sie sehen können und die dennoch unterschätzt wird. Das Nashorn zieht eine schwere Kugel an einer Fessel hinter sich her – seine Schuldenlast.

Auf der Titelseite der Zeitschrift „Vista“ sitzt eine verzweifelte Chinesin unter der Überschrift: „Die verschuldete Jugend“. Auch die Berater von McKinsey bewerten in einer Studie von November vergangenen Jahres die hohe Verschuldung der Gesamtwirtschaft als potenzielles Risiko.

Schätzungen zufolge belief sich die Gesamtverschuldung Chinas, die neben den Verbindlichkeiten der Zentral- und Lokalregierungen auch die Schulden der – oft staatseigenen – Unternehmen umfasst, zuletzt bereits auf mehr als 250 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Und auch die Verschuldung der Privathaushalte ist in den vergangenen Jahren immer stärker gestiegen, während sich zugleich der Einkommenszuwachs der Mittelschicht zwischen 2012 und 2016 von zehn Prozent auf 6,3 Prozent abgeschwächt hat.

Jugend lässt sich zum Schuldenmachen verführen

Wenn angesichts eines sich verlangsamenden Wirtschaftswachstums neben den Staatsunternehmen und lokalen Regierungen nun auch noch die immer als so solvent betrachteten Haushalte verschuldet sind, schrecke das viele auf, sagte Ökonom Zhu Ning der WELT. „Wer bleibt dann als Treiber neuen Wachstums, neuer Nachfrage und Garant finanzieller Stabilität?“

Jun Zhu, Vizedirektor des Instituts für Finanzforschung an der Tsinghua-Universität, dessen Bestseller über die „staatlich garantierte“ Blasenwirtschaft im Jahr 2016 Furore machte, sieht die sich überschlagende Immobilienwirtschaft als Hauptursache für die Misere der Haushalte. Die Menschen hätten ihre traditionelle Toleranzschwelle gegen das Schuldenmachen erhöht. Verführt von spekulativen Wertsteigerungen ihres Besitzes verschulden sich die Haushalte immer weiter – wie einst vor der Finanzkrise in den USA. Die junge Generation lasse sich von digitalen Finanztechnologien wie dem Onlinebanking und bargeldlosen Zahlungsmethoden dazu verleiten, sorglos Geld auszugeben.

Nach Berechnungen der Akademie für Sozialwissenschaften waren die Haushalte zwischen 2004 und 2008 nur mit 17 bis 19 Prozent im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt verschuldet. Doch bis zum dritten Quartal 2017 stieg der Wert auf mehr als 48 Prozent an. In absoluten Zahlen standen die Verbraucher mit 39,1 Billionen Yuan (fast eine halbe Billion Euro) bei den Banken in der Kreide – ein um 23,2 Prozent höherer Wert als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Ironischerweise waren die Schulden der Chinesen damit genauso hoch wie einst das gesamte Konjunkturprogramm des Landes nach der Krise 2008.

Entwicklung der Sparquote ist ein weiteres Alarmzeichen

2016 stieg die Sparquote der Haushalte zudem erstmals langsamer als ihre Verbindlichkeiten. Und auch 2017 vergrößerte sich der Abstand um weitere fünf Prozent. Ein Alarmzeichen für alle, die zuletzt immer wieder auf die hohe Sparquote der privaten Haushalte als Rettungsanker gegen die hohe Verschuldung von Staat und Unternehmen verwiesen hatten.

Und auch die Verschuldung der Jugend hat sich verschärft, wie die Zeitschrift „Vista“ beschreibt. Die drei nach 1980, 1990 und 2000 geborenen Generationen zählen rund 700 Millionen Menschen, von denen ein großer Teil der neuen Mittelschicht angehört. Und sie stellten auch fast 80 Prozent der Kunden beim großen Ausverkauf von Alibaba am Singles’ Day. Anders als die sparsamen Generationen vor ihnen nehmen sie leichtfertig Darlehen bei den mehr als 2000 Online-Anbietern für schnelle Kredite in Anspruch.

Noch gibt es keine Erkenntnisse, wie stark die Verschuldung der Haushalte und der Rückgang der Sparquote die Nachfrage der Mittelschicht künftig bremsen könnte, auf deren Anstieg die Umstrukturierung der chinesischen Wirtschaft aufgebaut ist. Es ist ein Tabu, darüber zu debattieren, was passiert, wenn die kommunistische Partei ihr Versprechen nicht mehr halten kann, dass es Chinas Mittelschicht immer besser gehen wird – solange sie die Alleinherrschaft der KP nicht herausfordert.