Die Kriegsgefahr in Asien steigt

Indische Anti-China-Aktivisten zünden eine chinesische Flagge und Fotos des KP-Chefs Xi Jinping an.
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Warum Asien Europa auf dem Globus der Kriegsgefahr längst abgelöst hat. Ein Kommentar. Christoph von Marschall

Die lückenhaften Informationen vom Beinahe-Krieg im Himalaja klingen absurd – und lassen zugleich erschaudern wegen der Gefahren, wenn so ein Konflikt außer Kontrolle gerät. 20 tote Soldaten meldet Indien, China macht keine Angaben. Es seien keine Schüsse gefallen, betonen beide. Wie brutal muss man sich den körperlichen Kampf vorstellen: Mann gegen Mann mit so schweren Verletzungen, dass sie in den eisigen Temperaturen auf dem Dach der Welt zu derart vielen Toten führen?

Durch den Himalaja verlaufen die Grenzen von drei Atommächten: China, Indien, Pakistan. Sie sind umstritten, sie sind nicht eindeutig markiert – können es teils auch nicht sein, weil die Naturelemente Gestalt und Verlauf von Gletschern, Schneefeldern, Flussbetten verändern. Auf Karten behilft man sich mit dem Kürzel LAC, „Line of Actual Control“. So fluid und veränderbar können Grenzen sein, die man in Europa gerne „unverletzlich“ nennt. Indien und Pakistan haben drei Kriege um Kaschmir geführt; diese Gefahr ist vielen bewusst. Für den Grenzkrieg zwischen China und Indien von 1962 gilt das nicht. Kaum jemand schaute hin, als sie ihre Truppen verstärkten. Einen Krieg wollen sie nicht. Sie werden aber von autoritären Nationalisten geführt. Xi Jinping und Narendra Modi können es sich nicht leisten, schwach zu erscheinen, schon gar nicht wenn Corona Zweifel weckt, ob sie die Lage unter Kontrolle haben.

Wenn geschossen wird, kann die Dynamik außer Kontrolle geraten

Daraus ergeben sich Gefahren. Wenn erst geschossen wird, kann die Wechseldynamik aus Kriegsgeschehen und nationaler Stimmung außer Kontrolle geraten. Mit Chinas Aufstieg ist seine Bereitschaft, Militär zur Durchsetzung der Interessen einzusetzen, dramatisch gewachsen. Schiffe kleinerer Nachbarn werden in von China widerrechtlich beanspruchten Meereszonen gerammt. Kampfpiloten drängen andere Jets mit riskanten Manövern aus internationalen Lufträumen, deren Kontrolle Peking reklamiert. Das Risiko bilden nicht ältere Offiziere und Politiker; sie predigen Nationalstolz, wollen aber keinen Krieg.

Das Risiko sind junge Heißsporne im Kampfjet oder am Gewehr. Die Präventionsinstrumente aber, die Europa im Kalten Krieg vor dem heißen Krieg bewahrt haben – rote Telefone, Vertrauensbildung, Abrüstungsgespräche –, fehlen in Asien weitgehend. Asien hat Europa auf dem Globus der Kriegsgefahr längst abgelöst.