Coronavirus: Wann brach die Krankheit in China wirklich aus?

China hat einen „Zeitplan“ veröffentlicht, in dem es umfassend über seinen Umgang mit der Corona-Epidemie berichtet. Der erste Eintrag ist verzeichnet unter: „Ende Dezember 2019“. Dabei gibt es Hinweise, dass das Virus schon mehrere Wochen früher auftrat.

Diese Woche veröffentlichten gleich mehrere chinesische Propagandamedien ein Dokument mit einem etwas umständlichen Titel. Der Titel lautet, der Vollständigkeit halber: „Zeitplan Chinas für die Veröffentlichung von Informationen zu Covid-19 und für die Förderung der internationalen Zusammenarbeit bei der Bekämpfung der Epidemie“.

Die chinesische Regierung erklärt darin, wann sie im Zeitraum zwischen Dezember und März welche Informationen über das Coronavirus veröffentlicht und wann sie welche internationalen Partner ins Bild gesetzt hat. Ziel des Dokuments ist es, den Vorwurf zu zerstreuen, China habe Informationen über den Ausbruch des Virus vertuscht. Und es soll die Volksrepublik als verantwortungsbewussten und kompetenten Krisenmanager darstellen.

Wer sich das Dokument genauer anschaut, wird von der bloßen Länge überrascht. Es ist 40 Seiten lang. Dennoch ist es an manchen Stellen merkwürdig vage. Der erste Eintrag ist verzeichnet unter: „Ende Dezember 2019“.

Doch inzwischen deuten viele Indizien darauf hin, dass die ersten Erkrankungen schon mehrere Wochen vorher auftraten. Die Hongkonger Zeitung „South China Morning Post“ berichtete etwa schon im März unter Berufung auf chinesische Regierungsdokumente, dass Chinas erster bestätigter Covid-19-Fall auf den 17. November zurückverfolgt werden könne. Zudem berichteten die US-Fernsehsender ABC, CNN und NBC, dass US-Geheimdienstbeamte bereits Ende November davor warnten, dass in Wuhan eine Seuche um sich greife. Die US-Regierung bestreitet diese Berichte jedoch.

Doch nicht nur der Zeitstrahl, den die chinesische Regierung in ihrem Propagandadokument präsentiert, entspricht wohl nicht der Wahrheit. Die Behauptung, alles getan zu haben, um das Virus einzudämmen, ist sogar nachweislich falsch – zumindest bis zum 23. Januar, dem Tag, an dem die chinesische Regierung schlagartig umschaltetet und die gesamte Provinz Hubei, rund 60 Millionen Menschen, von der Außenwelt abriegelte.

Die Ärzte Ai Fen und Li Wenliang beispielsweise warnten schon im Dezember vor einem neuartigem Virus. Doch sie wurden mundtot gemacht. Davon ist in Chinas Propagandadokument nichts zu lesen. Li Wenliang ist inzwischen am Coronavirus verstorben. Ai Fen hingegen ist nach Medienberichten verschwunden. Der chinesische Sicherheitsapparat nutzt die Krise, um seine Kritiker wegzusperren.

Am Dienstag teilte die Disziplinarkommission der Kommunistischen Partei (KP) mit, dass gegen Ren Zhiqiang ermittelt werde, wegen „ernster Verstöße gegen Gesetz und Disziplin“. Ren, früherer Chef eines staatlichen Immobilienkonzerns aus einflussreicher Familie, der seit Jahrzehnten Parteimitglied ist und früher enge Kontakte zur obersten Riege der chinesischen Führung pflegte, hatte KP-Chef Xi Jinping – ohne ihn beim Namen zu nennen – in einem Essay als „Clown“ verunglimpft.

Am Mittwoch wurde dann schließlich – nach 76 Tagen – der Lockdown in Wuhan aufgehoben, nachdem die Reisebeschränkungen im Rest der Provinz Hubei bereits Ende März ausgelaufen waren. Zum ersten Mal seit mehr als zweieinhalb Monaten verlassen nun wieder Autos, Züge und Flugzeuge die Stadt. Politiker aus der ganzen Welt werden jetzt auf Wuhan schauen und versuchen, aus der chinesischen Erfahrung Erkenntnisse für die eigenen Länder zu gewinnen. Doch der Versuch, von China zu lernen, stößt an enge Grenzen. So gilt es als wahrscheinlich, dass die amtlichen chinesischen Infektions- und Todeszahlen gefälscht sind.