Möglicher Raketentest: Chinas nukleare Machtdemonstration

Peking hat offenbar eine neue Atomrakete ausprobiert. Stimmen die Informationen, gelangen damit auch die USA in Chinas Reichweite. Der Vorfall könnte den Wettstreit um die Macht im Pazifik weiter anheizen.

Die chinesische Armee hat Anfang Juni offenbar eine neue Atomrakete getestet. Sie lässt sich von einem U-Boot aus starten, kann bis zu 9000 Kilometer weit fliegen und kommt womöglich auf mehrfache Schallgeschwindigkeit. Ihre Reichweite ist so groß, dass sie von China aus auch das amerikanische Festland erreichen könnte. Experten befürchten, dass sich der Vorfall auf die Stabilität im Pazifik auswirkt.

Bei der Rakete handelt es sich wohl um den neuen Typ Julong-3 (JL-3), wie das US-Onlinemagazin „Washington Free Beacon“ unter Berufung auf amerikanische Militärangehörige berichtet. Gestartet wurde sie offenbar im östlich von Peking gelegenen Golf von Bohai. Anschließend flog sie mehrere Tausend Kilometer in den Westen Chinas, wie unter anderem Beobachtungen aus einem Flugzeug nahelegen. (Mehr dazu lesen Sie hier.)

„Bislang hat sich Peking im nuklearen Wettstreit unsicher gefühlt“, sagt der China-Experte Adam Ni von der Macquarie University in Sydney. „Chinesische Militärexperten glauben daher, dass es von enormer Bedeutung ist, eine nukleare Streitmacht auf See zu entwickeln.“ Diese diene allerdings vor allem der Abschreckung. Kann die Volksbefreiungsarmee von chinesischen Gewässern aus Ziele in den USA angreifen, sind beispielsweise ihre U-Boote im Südchinesischen Meer besser geschützt.

„Mit China über Rüstungskontrolle sprechen“

Dahinter steht das Konzept der „mutually assured destruction“ (MAD), der gegenseitig zugesicherten Zerstörung. Indem jeder einen Vergeltungsschlag fürchten muss, sollen Stabilität und Frieden sichergestellt werden. Auch die USA und Russland nutzen mit Atomraketen bestückte U-Boote, um andere Staaten von einem solchen Angriff abzuhalten und gegebenenfalls einen Vergeltungsschlag ausführen zu können.

U-Boote bieten dabei deutliche Vorteile. Während landgestützte Starteinrichtungen bei einem Erstschlag vergleichsweise leicht zerstört werden können, ermöglichen auf U-Booten stationierte Raketen einen verlässlichen Gegenangriff. Die neuen Raketen können laut einem Bericht in chinesischen Medien zudem womöglich die mehrfache Schallgeschwindigkeit erreichen und so auch Abwehrmaßnahmen umgehen.

Nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums sollen JL-3 insbesondere in einer neuen U-Boot-Klasse Chinas eingesetzt werden. China wolle in den nächsten Jahren beginnen, die Boote vom Typ 096 zu bauen. Ni zufolge wird das U-Boot-gestützte Nukleararsenal Chinas in den nächsten Jahrzehnten große Auswirkungen auf die Stabilität und den Wettstreit der Großmächte im Pazifik haben. Der Raketentest unterstreiche Chinas „rasante militärische Modernisierung“, so der Forscher.

Das Auswärtige Amt teilte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE mit, dass der Test aus Sicht der Bundesregierung zeige, dass es nötig werden könnte, „auch mit China über Rüstungskontrolle zu sprechen“.

Angeblich Weiterentwicklung der Atomrakete geplant

Die aktuell getestete Rakete ist wie ihre Vorgängerin JL-2 mit einem Feststofftriebwerk ausgestattet und soll Platz für mehrere atomare Sprengköpfe haben, die unabhängig voneinander mehrere Städte angreifen können. „Das Hauptproblem des aktuellen von U-Booten abgefeuerte ballistischen Raketentyps JL-2 ist, dass er keine ausreichende Reichweite hat, um Ziele im Inneren der USA gefährden zu können“, erklärt Ni.

Erstmals soll China JL-3 im November 2018 getestet haben. Berichten zufolge handelte es sich um einen Kaltstart. Dabei wird die Rakete aus dem Startrohr eines U-Boots abgefeuert, ohne dass das eigentliche Raketentriebwerk zum Einsatz kommt. Wie der „Washington Free Beacon“ unter Bezug auf Pentagon-Informationen berichtet, soll China bereits eine Nachfolgeversion der JL-3 planen.